Von Providence nach New Haven

Providence, die Hauptstadt des kleinsten US Bundesstaates, Rhode Island, hatte ich bisher nie auf dem Zettel. Mir ging es sicher wie vielen, irgendwie hat man den Namen bereits gehört, es fehlt einem jedoch ein Bild vor den Augen. Für mich hat sich dies mit dem heutigen Tag geändert und wer sich die Bilder zum Blogeintrag ansieht bekommt ebenfalls einen ersten Eindruck.

Im Jahr 1636, von dem aus Boston vor der Anklage der Ketzerei geflohenen Roger Williams gegründet, entwickelte sich Providence bis um 1900 zu einer der vermögensten Städte der USA. Insbesondere durch Handel, Textil-, Werkzeug- und Industrieproduktion getrieben. Große Namen der Zeit waren: Brown & Sharpe, Corliss Steam EngineCompany, Babcock & Wilcox, Grinnell Corporation, Gorham Manufacturing Company, Nicholson File und Fruit of the Loom. Heute dominieren vor allem die Brown University, das Government sowie großen Kliniken den Arbeitsmarkt.


Die Stadt wirkt in meinen Augen übersichtlich und etwas verschlafen. Irgendwie hat Providence einen besonderen Charme und Charakter, der von den vielen, sehr alten Gebäuden aus der Zeit des Art Deco Stils ausgeht. Einige der Häuser sind in top Zustand, andere “under construction”, wenige wirken verlassen. Dennoch fehlt es mir an etwas mehr Leben in der Stadt. Es sind deutlich weniger Menschen auf den Straßen, Touristen sind kaum vorhanden und es fehlt an den sonst typischen Geschäften und der Geschäftigkeit.

Nach gut 2 Stunden steigen wir in unseren Urlaubswagen, übrigens ein Infiniti XQ60 und nehmen Ziel auf New Haven. Zunächst dem Interstate 95 folgend, biegen wir dann in Clinton, CT auf den Highway 1 ab und folgen dann dem 146iger. Eine großartige Entscheidung. Wir fahren durch eine fast schon schrecklich kitschige Landschaft - Neu England wie aus dem Bilderbuch. Häuser und Örtchen, zum Träumen schön. Die Zeit scheint hier nahezu stehen geblieben. Beim Anblick kommt man ins Träumen von einem Leben in einer kleinen, heilen Welt.

Am späten Nachmittag erreichen wir New Haven, entscheiden uns aber dem Ort, insbesondere dem Campus der Yale Universität, erst morgen einen Besuch abzustatten. Wir haben ja schließlich Urlaub und wollen uns Zeit geben, Gesehenes zu verarbeiten. Bei einem Abendessen im Städtchen Milford sitzen wir auf der weißen Veranda eines kleinen, für New England typischen Hauses und genießen mit den Anwohnern den milden Freitag Abend bei Grillengezirpe und leckerem Essen.

Bilder findet ihr hier.

Humboldt County to Fort Bragg

California is calling! Wir verlassen Humboldt County und fahren den 101 weiter südlich. Nach San Francisco, dem Ziel unserer diesjährigen Tour, ist es nicht mehr weit - gerade einmal 299 Miles. Unsere heutige Etappe führt uns jedoch zunächst einmal nach Fort Bragg, einem kleinen Örtchen, gebaut im Western Stil.

Auf unserer 3-stündigen Fahrt bemerken wir immer eindeutiger, dass wir in Kalifornien sind. Die Wälder, immer noch von Redwoods dominiert, verändern sich. Es ist vor allem die Bodenvegetation die weniger dicht und üppig ist. Farne gibt es nicht mehr. Da, wo die Wälder weniger dicht sind, typische, vom Sommer vertrocknete Wiesen. Auch das Gestein der Berge verändert sich, es wirkt mehr wie Basalt. Es gibt die typischen, ebenfalls im Sommer ausgetrockneten Flüsse, deren Breite jedoch erahnen lässt, welche Wassermassen im Frühjahr in Richtung Pazifik fließen.

Wir finden einen kleinen Fluß, welcher noch reichlich klares Wasser führt. Es ist gar nicht so kühl und Paul beschließt kurzerhand, die willkommene Erfrischung zum Schwimmen zu nutzen. Nach der kleinen Pause zweigt unsere Route vom 101 ab und schlängelt sich entlang des Highway Number 1. Wir erreichen Fort Bragg am Nachmittag. Hatten wir am Vormittag wärmende Sonne und wirklich sommerliche Temperaturen, verspüren wir in Fort Bragg die frische Brise des Pazifiks. Es scheint, dass die Stürme über Hawaii kühle, pazifische Lufmassen vorantreiben und zumindest küstennah die Strömungen warmer kalifornischer Inlandsluft zurückdrängen.

Fort Bragg selbst hat keine gigantischen Sehenswürdigkeiten. Eine Umweltschande aus den frühen 50iger Jahren macht Abschnitte des heutigen Strandes zu etwas Besonderem - Glass Beach. Einst wurde städtischer Müll einfach im Meer verklappt. Den tausenden von Glasflaschen nahm sich der Pazifik an, brach das Glas und schliff es durch die unermüdlichen Wellenbewegungen zu kleinen, runden Glassteinen. Im Sonnenlicht soll der Strand fantastisch glitzern. Prüfen konnten wir das heute nicht. Mal schauen, ob morgen früh die Sonne scheint.

Olympic National Park

Der Morgen in Forks startet ziemlich unterkühlt - nicht unsere Stimmung - die Temperatur. Übrigens, ich hatte gestern gar nicht erwähnt, dass Forks, WA seit den Twilight Büchern einen sprunghaften Anstieg der Besucherzahlen zu verzeichen hat. Die Saga spielt in Forks, sowohl was die Schauplätze in den Büchern betrifft, als auch in den gleichnamigen Hollywood Filmen. Für den kleinen Ort war "ein kleines Konjunkturpaket", Zitat Bürgermeister der Stadt.

Bevor wir uns heute von der Olympic Halbinsel verabschieden und nach Portland, OR fahren, widmen wir uns noch einmal zwei faszinierend schönen Ausschnitten des Olympic National Parks. Wir beginnen im Hoh Rain Forest. Bereits gestern, mit der Ankunft in Forks haben wir bemerkt, dass die westliche, dem Pazifik voll zugewandten Seite der Halbinsel, sehr viel kühler aber auch feuchter ist. Die Natur wirkt längst nicht so von der Hitze der letzten Wochen ausgezehrt.

Auf der Fahrt tiefer in die Wälder verstärkt sich der Eindruck in einen unberührten Urwald zu fahren. Die Straße schlängelt sich entlang des Hoh River. Paul und ich spekulieren, ob wir hier wohl Lachse fangen würden. Die gibt es hier in jedem Fall und nicht nur Angler auf zwei Beinen. Vor Bären wird gewarnt bzw. der richtige Umgang bei einer Begegnung geschildert. Während ich aus dem Fenster starre, summt in meinem Kopf die Titelmelodie aus Brokeback Mountain.

Die Straße endet nach 15 Miles. Wir gehen zu Fuß weiter,  tiefer in den Hoh Rain Forest. Meine Bilder können, wenn überhaupt, nur einen kleinen Eindruck vermitteln. Der Wald wirkt auf mich wie einer der Urwälder aus meinem Geographie Schulbuch - ein Wald aus längst vergangener Zeit. Gigantisch hohe Bäume - Douglasien, Riesenlebensbäume, Oregon Ahorn und Sitkafichten ragen weit in den Himmel. Der Boden und die Bäume sind dicht bewachsen und behangen mit Moosen. Wir laufen durch mannshohe Farne. Alles bleibt wie es ist: Kein Mensch mischt sich in die Geschicke der Natur ein - Bäume wachsen, stürzten zu Boden, vergehen und sind Grundlage für Neues.

Langsam bricht auch die Sonne hinter dem Hochnebel hervor, verdrängt die Wolken, die Strahlen wärmen und verzaubern den Wald. Wir müssen weiter, fahren zurück auf den Highway 101 in Richtung Süden. Nach ca. 30 Minuten Fahrt sind wir wieder am Pazifik. Es bietet sich erneut ein Anblick zum Staunen: Ruby Beach. Große Mengen an Driftwood liegen am Strand. Die Ebbe lässt den Strand noch tiefer und breiter erscheinen. Wir können bis zu einigen der Felseninseln laufen. Vor wenigen Minuten hatten wir noch Waldduft in der Nase, nun ist es wieder frische, salzige Meeresluft.

Es zieht uns weiter. Der 101 bringt uns bis nach Aberdeen. Der Ort hat seine besten Zeiten schon einige Jahrzehnte - bald ein Jahrhundert - hinter sich. Fischfang und Holzwirtschaft sind nicht mehr einträglich und für recht viel mehr hat es bisher noch nicht gereicht.

Olympic National Park_USA-15.jpg

Umso erstaunter sind wir, dass wir in dem gottverlassenen Nest eine kleine Perle der Gastfreundschaft finden. The Jitter House ist ein kleines Café welches tatsächlich richtig guten italienischen Kaffee und köstliche Sandwiches zaubert. Gottverlassen ist es überhaupt nicht - der Inhaber ist bibelfest und offensichtlich sehr gläubig. Im Lokal stehen einige Pokale von Bibel Rezitierwettbewerben, nebst diversen Devotionalien und Bibelsprüchen an der Wand. Das Türschild verbindet Patriotismus und Glaube. 

IMG_1615.jpg

Seattle, WA - Tag 2

Der 2. Tag steht auf dem Plan und mit ihm ein Blick ins Detail. Ich habe mir vorgenommen unvoreingenommen, den gestrigen Eindruck hintenanstellend, noch einmal von vorn mit der Stadt Kontakt aufzunehmen.

Im Grunde hat die Stadt ihren Namen dem Häuptling Sealth zu verdanken. Er begrüßte 1851 die ersten Siedler unter Führung von Arthur Denny in der Region. Die Denny Party ließ sich am heutigen Pioneer Square nieder und gilt als Begründer der Stadt Seattle.

Der kleine Platz wirkt unscheinbar, ein indianischer Totempfahl steht in der Mitte, ihm gegenüber das älteste Gebäude der Stadt. Die Hochzeit der damals rasch wachsenden und aufblühenden Stadt startete im 19 Jh. zunächst mit dem Holzhandel und dem Anschluss an die Northern Pacific Eisenbahn, dann mit dem Goldrausch am Klondike. 

Wir wenden uns vom Pioneer Square in Richtung 4. Ave, vorbei am J.C. Smith Tower. Der Schreibmaschinenmagnat ließ selbigen erbauen, erlebte jedoch dessen Eröffnung nicht mehr. Es war der erste Wolkenkratzer der Stadt Seattle. Entlang der 4. Ave reihen sich das Columbia Center, die City Hall und die Central Library. Die Gebäude der Straße stammen weitgehend aus den 80iger bis frühen 2000er Jahren.

Um die Mittagszeit herum legen wir am Pike Place Market eine Pause ein und genießen das warme, sonnige Wetter. Ich träume ein wenig vor mich hin, kann architektonisch aber auch der Stimmung in der Stadt nichts abgewinnen. Die Straßen in Downtown sind, man kann es nicht anders sagen, versifft. Aber so etwas von versifft, wie ich es in keiner Klein- oder Großstadt, geschweige denn Metropole, in den USA bisher erlebt habe.

Vom Pike Place Market aus machen wir uns auf in Richtung Capitol Hill. Das von der LGBT Szene dominierte Viertel soll entlang des Broadways mit reichlich ausgefallenen Läden und Cafés seinen ganz eigenen Charme versprühen. Die Straßenbahn bringt uns den Hügel hinauf. Erster Eindruck - es ist wirkt etwas sauberer und sortierter, die Szene ist unaufdringlich sichtbar. Wir laufen entlang des Broadways, vorbei am Swedish Hospital Komplex. Einen besonderen Charme kann ich nicht verspüren, Cafés gibt es keine außergewöhnlichen und auch sonst wirkt Capitol Hill mit seiner LGBT Szene sehr ausgereift und im Zustand "ganz normal" angekommen - ist ja auch gut so.

Die Straßenbahn bringt uns in Richtung International District - ein Komplex aus China- und Japanese Town, welchen wir bereits beim Durchfahren mit der Straßenbahn erfasst haben - schade. ( Ist jedoch schwer, wenn man die Chinatown in San Francisco und New York kennt, von dem was Seattle bietet, beeindruckt zu sein.) Wir schließen den Nachmittag an der Waterfront ab und fahren am späten Nachmittag zurück in Richtung Columbia City und unserem Airbnb Baumhaus.

Nein, die Stadt macht mich nicht an - im Gegenteil: ich ekel mich vor ihr. Obdachlose soweit das Auge blicken kann, offenkundig hat die Stadt bzw. der Großraum ein Problem. Mit Weltkonzernen, wie Starbucks, Microsoft und Amazon als Arbeitgeber dürfte es derartige Auswüchse von Armut nicht geben.

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer, die Konzerne sind Magneten für gut ausgebildete Fachkräfte, Wohnraum wird knapp und wer bereits am Rande der Existenz lebte, für den gibt es keinen Platz mehr. Habe ich gestern noch ein lobendes Wort für die Gates Foundation und das Allen Institute verloren, frage ich mich heute, warum die Verantwortung für die Gesellschaft immer nur in der Ferne gesucht werden muss...

Schlaflos in Seattle sind mittlerweile vielen Menschen, nicht aus Liebe, sondern vor Kummer und Sorge um Ihre Habe. Da kann die Stadt noch so politisch grün - demokratisch und tolerant sein, für mich wirkt es aufgesetzt und arrogant. Im übrigen kommt die Bevölkerung der Stadt auch so rüber - noch nie habe ich mich in den USA in einer Stadt so unwohl gefühlt.

Von Tulsa, OK nach Oklahoma City

Die Straße trägt uns weiter durch Oklahoma. Mal dicht von Laubbäumen bewaldet, mal flach und üppig grün, so weit das Auge reicht. Weitgehend verläuft die Route 66 auf einem inzwischen neuen Highway und nur ab und an zeigen sich alte, historische Abschnitte.

Die Strecke heute ist kurz, beide Städte sind nur knappe 180 km von einander entfernt. Als wir in Oklahoma City eintreffen, rappelt das Mobiltelefon mit schlechten Nachrichten aus Barcelona. Sollte das Schicksal sein?

Am 19. April 1995, um 9:02 Uhr verloren 168 Menschen durch ein Bombenattentat in Oklahoma City ihr Leben. Die Stadt verliert ihre Unschuld und Amerika wird zum ersten Mal ernsthaft im eigenen Land erschüttert. Diesem Attentat, den Opfern und Überlebenden gedenkt die Stadt mit einem wunderschön angelegten Denkmal, dass sich an genau der Stelle befindet, an der das Murrah Federal Bulding stand.

Zwei große Tore stehen sich gegenüber - Tor 1 mit der Uhrzeit 9:01 - Tor 2 mit der Uhrzeit 9:03. Dazwischen befindet sich eine ruhige spiegelnde Wasserfläche. Es ist die Zeit, eine Minute vor dem Attentat und die Zeit eine Minute nach dem Attentat und symbolisiert wie die Unschuld von einer auf die andere Minute verloren geht, sich das Leben einzelner Menschen, Familien, einer Stadt, gar einer ganzen Nation verändert.

Und wie an jenem Tag geschehen, so auch heute in Barcelona.

Ich sitze in dem Denkmal, meine Gedanken kreisen um die Nachrichten. Ich bin traurig und wütend zugleich. Traurig, weil ich an die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen denke. Wütend, weil mich die abgedroschenen und leeren Beileidbekundungen der Politiker ekeln. Es fehlen Taten, die nicht Rache suchen, sondern nachhaltige Lösungen. Europa kann nicht das Schicksal eines ganzen afrikanischen Kontinents retten und Europa darf nicht zum Blitzableiter der Wut böser, fanatischer Menschen aus dem islamischen Glaubensraum werden. Beides gesteht sich die europäische Politik nicht ein - sie mutet es aber den Menschen in Europa zu.

Ganz am Ende schließt sich auch wieder der Kreis zur Gedenkstätte in Oklahoma City und wie ich so in der schönen Parkanlage unter dem Baum der Überlebenden sitze, stelle ich mir die Frage, wo wir der Opfer von Paris, Brüssel, Berlin, London und Barcelona gedenken? Nirgends, - Europa und insbesondere Deutschland hat keinen Stolz mehr - wir gedenken nicht - wir geiseln uns nur mit unserer Vergangenheit - dafür haben wir Platz.

Das Schlußbild meines heutigen Blogeintrags ist ein Sonnenuntergangsgruß, der Stille und Gedenken vermittelt. Ich widme dieses Bild den Opfern und Angehörigen von Barcelona.

Travel Photography The Legendary Route 66-102.jpg